Video-Toolbox / Drehen/KameratechnikWas macht große Kunst aus? Die Komposition. In diesem ersten von zwei Teilen enthüllen wir einige geheime Tricks der großen Meister.
Auf die Frage, was große Kunst ausmacht, antwortet dir jeder Künstler mit einer anderen Vorstellung von Farbe und Gestaltung eines Designobjekts, aber alle sind sich darüber einig, was den Amateur vom Meister unterscheidet: Die Komposition.
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Videografen, Fotografen und Maler sind sich recht ähnlich. Sie werden immer zu den besten Partys eingeladen. Außerdem müssen sie alle innerhalb eines vorgegebenen Rahmens eine Geschichte erzählen. Die Rahmenbedingungen können variieren, aber das Prinzip ist stets dasselbe: Allein die Bilder verkörpern deine Vision. Setze sie weise ein.
Wenn man Filme wie The Cell, Schnee, der auf Zedern fällt und Sisters - Schwestern des Bösen an einer beliebigen Stelle anhält, das entsprechende Bild druckt und an die Wand hängt, kann man sich niemals daran sattsehen. Das ist ein erstrebenswertes Ziel.
Die Komposition kann je nach Kameraeinstellung leicht variieren. Bei Close-ups wird das Bild normalerweise von einem einzigen Motiv ausgefüllt, während eine Totale häufig mehrere Motive umfasst.
Bei einer Totale werden häufig Personen in ihrer Umgebung dargestellt. Du könntest zum Beispiel eine Aufnahme machen, die im Hintergrund das Brandenburger Tor und im Vordergrund ganz klein zwei Personen auf einer Bank zeigt. Was sagt uns diese Szene? Dass die beiden sich in Berlin befinden und dass sie sowohl Politiker als auch Spione sein könnten. Du kannst auch eine Aufnahme von zwei Personen machen, die neben einem riesigen Berg winzig aussehen. Was sagt uns diese Szene? Dass die Menschen klein und zerbrechlich sind.
Eine meiner liebsten Totalen der jüngeren Filmgeschichte ist der Höhepunkt im Kampfkunstfilm Azumi von Ryuhei Kitamura: Die Stadttore öffnen sich und zeigen die Heldin, wie sie alleine in der Ferne steht. Zwischen ihr und dem Mann, den sie retten soll, stehen mehrere hundert Piraten, die bis an die Zähne bewaffnet sind. Eine Vorahnung erfasst die Zuschauer. Was lernen wir aus dieser Szene? Wir wissen, dass Azumi, um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen, ein ganzes Piratenheer überwinden muss. Die Art der Komposition dieser drei Informationen (Heldin, Schurken und Ziel) in der Szene zeigt, was einen wirklich guten Film ausmacht.
Halbnahen werden häufig für Interaktionen zwischen Charakteren verwendet. Ein Beispiel ist eine Szene in der Küche, in der zwei Personen an einem Tisch sitzen und eine weitere Person an der Arbeitsplatte stehend Gemüse schneidet. Die Halbnahe zeigt normalerweise die Sichtweise von Personen, die drinnen leben und arbeiten. Die von Steven Spielberg in Der weiße Hai für die Bootszenen verwendeten Halbnahen erzeugen beim Betrachter ein Gefühl der Beengtheit, die daran erinnert, dass die Helden relativ schutzlos sind.
Close-ups zeigen Gesichtsausdrücke und Gefühle. Die Welt bleibt außen vor und wir sind allein mit der Person. Ein sehr gutes Beispiel für den Einsatz von Close-ups ist die Anfangsszene von Lawrence Kasdans Der große Frust—, in der man nur die Hände einer Frau sieht, die das Hemd eines Mannes zuknöpfen, seine Krawatte zurechtrücken und seinen Kragen richten. Das Publikum glaubt zunächst fälschlicherweise, dass ein Mann von seiner aufmerksamen Partnerin für einen romantischen Abend in der Stadt zurechtgemacht wird. Erst als der Vorspann weiterläuft wird klar, dass die Hände einer Bestatterin gehören, die einen Leichnam für ein Begräbnis vorbereitet.
Genauso wie es eine Fußballsprache gibt, gibt es auch eine Sprache der Komposition. Die verschiedenen Bestandteile, ihre Definition und Verwendung kennen zu lernen, wird dich nicht nur bei deinen eigenen Dreharbeiten sehr viel weiterbringen, sondern es dir auch ermöglichen, die Arbeit anderer kritisch zu beurteilen.
Achte auf das, was sich hinter deinem Motiv befindet. Wenn du durch den Sucher schaust, richtet sich deine gesamte Konzentration häufig auf den Hauptdarsteller und du stellst erst später fest, dass ein Telefonmast aus seinem Kopf wächst oder ein Fensterrahmen den Eindruck erweckt, als ginge ein Pfeil in ein Ohr rein und zum anderen wieder raus. Auch der Hintergrund kann zur Gestaltung der Szene genutzt werden. Wenn du beispielsweise deinen Opa zu seinen Erfahrungen im Krieg interviewst, erzielt eine im Hintergrund aufgehängte Uniform oder Karte, die jedoch leicht unscharf zu sehen ist, einen visuellen Anreiz und gibt nützliche Informationen.
Auch im Vordergrund können Informationen platziert werden: Wenn beispielsweise im Vordergrund zwei Personen auf einer Decke liegen, kann der Rasen, den wir sehen, auf einen Park hindeuten. Ein Reh an der gleichen Stelle deutet hingegen eine Waldwiese an. Gut angezogene, nicht fokussierte Personen, die Krocket spielen, erwecken den Eindruck eines englischen Landsitzes.
Die Funktion unseres Gehirns, die dafür sorgt, dass wir uns aufrecht halten, bewirkt, dass wir auch beim Drehen auf die richtige Balance achten. Ein ausgeglichenes Bild vermittelt einen Eindruck der Ruhe, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. "Ausgeglichen" heißt nicht unbedingt, dass zwei Personen im gleichen Abstand zur Kamera stehen. Eine Person auf der rechten Bildschirmseite kann auch durch eine Uhr an der gegenüberliegenden Wand "ausgeglichen" werden.
Möglicherweise soll den Zuschauern nicht die ganze Zeit ein Gefühl von Frieden und Harmonie vermittelt werden. Ganz oft möchtest du Spannung erzeugen, was du erreichst, indem du einem ausgeglichenen Bild vertikale Elemente hinzufügst oder den Winkel änderst. Wenn du die Kamera um einige Grad nach einer Seite schwenkst, können die Zuschauer sich nicht mehr entspannen. Wahrscheinlich merken sie dies nicht bewusst, aber im Unterbewusstsein macht sich das Gefühl breit, dass irgendetwas nicht stimmt. Auch die Verwendung einer Weitwinkeleinstellung, die eine Szene so verdreht, dass die Linien nicht mehr parallel bzw. senkrecht sind, erzeugt Spannung.
Bei der Bildkomposition ist es wichtig, die Anschlussregeln zu beachten, damit die Zuschauer nicht verwirrt werden. Deine Schauspieler müssen in dieselbe Richtung sehen. Wenn beispielsweise zwei Personen sich an einem Tisch gegenübersitzen, dürfen sie bei Nahaufnahmen nicht in die gleiche Richtung schauen.
Die Farbkomposition ist ein wichtiger Bestandteil vieler Filme. So stand in M. Night Shyamalans The Village - Das Dorf die Farbe Rot für die teuflischen Elemente während das kühlere Blau das Gute repräsentierte.
Bereits Monate vor Drehbeginn einigen sich viele Regisseure, Produktionsdesigner und Kameramänner auf eine Farbpalette für einen Film, die auch die Garderobe abdeckt. So wird festgelegt, welche Farben harmonieren, um beim Publikum den gewünschten Effekt zu erzielen. Ein gutes Beispiel für eine meisterhafte Farbkomposition ist Peter Greenaways Film Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber.
Pack den Doktorhut noch nicht aus, so weit sind wir noch nicht.
Jetzt kennst du die Grundlagen. In einem späteren Artikel erfährst du mehr zum Thema Komposition. Mit diesen Tipps werden deine Hobbyaufnahmen zu wahren Meisterwerken.
Kyle Cassidy ist ein visueller Künstler, der zahlreiche Artikel zum Thema "Technologie" geschrieben hat.
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe vom September 2006 des Videomaker Magazine zum ersten Mal veröffentlicht. Weitere Infos zur Videoproduktion findest du auf der Website des Magazins oder in der Video-Toolbox.