Video-Toolbox / Drehen/KameratechnikEin langweiliges Video kann viele Ursachen haben. Wie oft machen wir uns über "Talking Heads", die "sprechenden Köpfe" im Fernsehen lustig, weil sie nicht gerade aufregend sind? Sich einen einstündigen Vortrag anzuhören, wenn man im gleichen Raum wie der Sprecher sitzt, ist etwas ganz anderes, als sich ein entsprechendes einstündiges Video anzusehen, das nur dieses eine Bild zeigt. Dummerweise liegt die Entscheidung, wer ein Video dreht, nicht immer in unseren Händen. Als Videograf bist du verpflichtet, deine Zuschauer nicht zu langweilen. Dein Ziel sollte stets sein, den Zuschauern Freude zu bereiten. Du hast viele Möglichkeiten, dein Video interessanter zu gestalten, beispielsweise durch den Standort der Kamera, Winkel und Bewegung. Hier sind einige Vorschläge.
Videografen machen beim Filmen von Tieren und Kindern häufig den großen Fehler, aus dem falschen Blickwinkel zu drehen. Die Perspektive eines Erwachsenen auf Kinder und Tiere ist völlig anders als die auf andere Erwachsene. Scheue nicht davor zurück, in die Hocke zu gehen und vom Boden aus zu filmen. Wer einen Chihuahua aus einer Höhe von 1,50 m filmt, ist einfach nur faul.
Bei der Planung des Hintergrunds reicht es nicht, zu wissen, dass Lichtmasten nicht aus Köpfen wachsen. Möglicherweise musst du die Drehorte vor dem Drehbeginn erkunden und dann einen geeigneteren Ort aussuchen. Ein schlechter Hintergrund kann zu "geschäftig" sein, also voll mit komplexen und verwirrenden Elementen, die vom Hauptthema ablenken. Er kann auch zu hell sein, sodass das Motiv von hinten beleuchtet wird, beispielsweise beim Drehen einer Person auf einer schattigen Veranda mit einem sonnigen Strand im Hintergrund. Mit nur ein wenig Planung kannst du schon sehr weit kommen.
Wenn du einen bestimmten Mastershot lange hältst, beispielsweise Braut und Bräutigam bei der Trauung, solltest du bereits während der Aufnahme überlegen, mit welchen Schnitten du diese Szene auflockern könntest. Zeige einige Nahaufnahmen der Hochzeitsgäste, einen Schwenk über die Autos auf dem Parkplatz, ein quengelndes Kind oder auch Nahaufnahmen von Braut und Bräutigam, die später aufgenommen wurden. Also musst du auch an die Cutaways denken! Mache hierfür Aufnahmen der Kirchenfenster, der spektakulären Decke und von allem, was dir interessant erscheint. Nimm mehr auf, als du glaubst, zu benötigen. Im Schneidraum könnte das deine Rettung sein.
Weitwinkel- und Teleobjektive haben nicht nur die Eigenschaft, dass Dinge näher oder weiter weg erscheinen, sie ändern auch die scheinbare Entfernung zwischen Objekten. Ein Weitwinkelobjektiv bewirkt, dass die Entfernung zwischen einem Objekt im Vordergrund und einem anderen Objekt im Hintergrund größer erscheint. Umgekehrt verringert ein Teleobjektiv diese Entfernung und die aufgenommenen Objekte scheinen sich näher zu sein.
Viele Filmemacher nehmen gefährlich anmutende Autorennen mit einem langen Teleobjektiv auf, damit es so aussieht, als würden sich die Autos nur knapp verfehlen, während sie tatsächlich vielleicht zehn Meter voneinander entfernt sind. Weitwinkelobjekte lassen Objekte, die sich in der Nähe der Kamera befinden, größer erscheinen als weiter entfernte Objekte. Du kannst zum Beispiel ein Kind im Vordergrund aufnehmen, das größer wirkt als ein Erwachsener ein paar Meter weiter hinten.
Wir mögen es, wenn die Dinge einen Rahmen haben. Unser Interesse wird geweckt und wir wissen, worauf der Schwerpunkt liegt. Türrahmen und Fenster bilden natürliche und klare Rahmen. Solche Rahmen finden sich auch an anderen Stellen, beispielsweise die Krümmung eines Arms oder die Sprossen einer Leiter.
Dies ist eine sehr wichtige Technik zum professionellen Gestalten von Bildern. Bei der Feldtiefe, auch Tiefenschärfe genannt, handelt es sich um den Bereich vor dem Camcorder, der fokussiert wird. Je nach Einstellung sind entweder Vorder- und Hintergrund unscharf, wenn der Gegenstand der Aufnahme scharf ist, oder Elemente im Vorder- und Hintergrund und der Gegenstand der Aufnahme sind scharf. Camcorder bieten mehrere Möglichkeiten, die Tiefenschärfe zu steuern, am wichtigsten ist hierbei jedoch die Blende. Bei einer kleinen Blendenöffnung (große Blendenzahl, beispielsweise F22) ist die Tiefenschärfe sehr tief, bei einer großen Blendenöffnung (kleine Blendenzahl, beispielsweise F2.8) ist sie sehr flach. Wenn du an deinem Camcorder die Blende nicht einstellen kannst, kannst du der Kamera vormachen, dass es dunkler ist, indem du einen Neutraldichtefilter vor dem Objektiv anbringst. Dadurch muss das automatische Belichtungssystem der Kamera die Blende weiter öffnen. Ein Neutraldichtefilter funktioniert im Prinzip wie eine Sonnebrille für das Objektiv: Er ändert nicht die Farbe, sondern sorgt für eine Verdunkelung und trickst so das Belichtungssystem aus.
Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als eine statische Stativaufnahme: eine statische Stativaufnahme mit Zoom. Ranzoomen, Schnitt auf etwas anderes, wegzoomen. Ein Cutaway ist die bessere Lösung, es sei denn, mit dem Zoomen soll ein bestimmter Effekt erzielt werden.
Damit ist keine ruckartige, wahllose, wackelige Kameraführung gemeint, was wir ja oft genug zu sehen bekommen, sondern eine weichere, normale Kamerabewegegung. Zwei grundlegende Kamerabewegungen sind seitliche Bewegungen (Trucking) und Vor- und Zurückfahren (Dollying). Bei einer Dolly-Aufnahme bewegt sich die Kamera zum Motiv hin oder vom Motiv weg. Bei einer Trucking-Aufnahme wird die Kamera nach links oder rechts bewegt, bleibt jedoch senkrecht zum Motiv. Versuche, aus einem langsam fahrenden Auto heraus (natürlich nur als Beifahrer) ein bewegliches Motiv, beispielsweise einen Jogger, zu filmen. Oder bewege die Kamera durch eine Menschenmenge, um die "Wir sind dabei"-Stimmung einzufangen.
Du kannst zum Beispiel runter auf den Boden gehen und nach oben schwenken oder deine Kamera auf einem Einbeinstativ über deinen Kopf halten, um eine Luftbildperspektive zu erhalten. Treppen, Leitern oder Fenster in oberen Stockwerken sind ebenfalls geeignet. Eine Kombination von ungewöhnlichen Perspektiven und Standardansichten durchbricht die Monotonie einer einzelnen Aufnahme.
Mache dir beim Fernsehen oder bei einem Film mal Gedanken über die Produktion. Wie lange bleibt der Regisseur auf einer Aufnahme, bevor ein Schnitt auf etwas anderes kommt? Wie werden erste Einstellungen und Cutaways eingesetzt, um sich die Aufmerksamkeit des Publikums zu sichern? Wo befand sich die Kamera? Du musst das richtige Vokabular zur visuellen Gestaltung von Videos erst erlernen, bevor du es effizient einsetzen kannst. Gleichzeitig solltest du die Videoproduktion anderer kritisch unter die Lupe nehmen. Worin sind sie besonders gut? Was gelingt ihnen nicht? Und warum? Jede neue Technik, die du erkennst und verstehst, kannst du deinem Repertoire hinzufügen.
Suche die zentralen Clips des Videos und schneide alles andere weg. Vorsicht vor Sentimentalitäten und Insider-Witzen, die ein größeres Publikum unter Umständen nicht versteht. Du glaubst vielleicht, dass das Video deines Sohnes mit dem Gesicht in der Spaghettischüssel das lustigste Video ist, das du jemals gedreht hast. Diese Meinung teilt aber vermutlich nur deine Familie. Und noch was: Fasse dich kurz! Statt den gesamten vierstündigen Film deiner Urlaubsreise zu zeigen, solltest du nur die besten zehnsekündigen Szenen auswählen und zu einem unterhaltsamen Film zusammenschneiden, der maximal zehn Minuten dauert.
Im Vordergrund sollte immer die Unterhaltung des Zuschauers stehen. Und ganz ehrlich - viele Videos sind nicht gerade aufregend. ("Ich möchte bei dieser Gelegenheit unseren Aktionären den 6-Jahres-Plan erläutern, der unser Unternehmen an die Spitze bringen wird". "Wir haben uns heute hier versammelt..." oder "Wir sind jetzt in der zweiten Halbzeit und im linken Mittelfeld ist Paul zu sehen".) Das heißt jedoch nicht, dass jedes Unternehmensvideo eine Zirkusshow enthalten muss, aber du solltest dich verpflichtet fühlen, jedes Video, wenn es schon nicht unterhaltend sein kann, wenigstens interessant zu gestalten.
Es gibt viele Möglichkeiten, ein langweiliges Video aufzupeppen. Es kann zunächst sehr aufschlussreich sein, sich die Produktionen anderer anzusehen. So erfährst du, was sie tun und wie sie es tun, und du kannst selbst beurteilen, ob es funktioniert. Wenn du erst einmal die verschiedenen Einstellungen und Techniken kennst, die bei der Produktion guter Videos zum Einsatz kommen, kannst du sie auch in deinen eigenen Werken verwenden. Mit Bewegungen, Cutaways und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen kannst du deinen Produktionen Ausdruck verleihen und sie für die Zuschauer interessanter gestalten.
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe vom Februar 2005 des Videomaker Magazine zum ersten Mal veröffentlicht. Weitere Infos zur Videoproduktion findest du auf der Website des Magazins oder in der Video-Toolbox.