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Manipulieren der Zeit

von Bill Davis   © 2005 Videomaker, Inc.

Tempus Fugit. Für Nichtlateiner: "Die Zeit vergeht wie im Flug". Das stimmt. Manchmal. Und manchmal vergeht sie im Schneckentempo.

Videomaker Magazine

Der Job eines Videoproduzenten ist, die Zeit wie im Fluge vergehen zu lassen. Oder zu verlangsamen. Oder Zeitsprünge zu vollziehen. Mit den Tools moderner Bearbeitungssoftware können wir mit der Zeit so ziemlich alles machen, was wir wollen. Beim Schneiden sind wir Zeitpiloten. Wir können die Abfolge ändern. Wir können Szenen, die ursprünglich in Echtzeit waren, verlangsamen, sodass die Zuschauer sie detaillierter wahrnehmen. Wir können Geschehnisse jedoch auch beschleunigen und lange Sekunden, Minuten oder sogar Stunden in einer kurzen Bilderfolge komprimieren. Da du nun diese Macht hast, wie kannst du entscheiden, ob du dich in die natürliche "Echtzeit" einmischen sollst? Gute Frage.

Die Zeit ist auf deiner Seite

Normalerweise entspricht eine Minute auf dem Rohmaterial auch einer Minute auf dem Bildschirm. Die natürliche Geschwindigkeit spiegelt sich in unseren Erwartungen für die Realität wider. Beim Schneiden jedoch gilt: Zeit ist das, was du daraus machst (im wahrsten Sinne des Wortes). Tatsächlich ist die Grundidee des Schneidens die der Komprimierung von Zeit. Durch einen Schnitt löschen wir die Zeit, die wir benötigt hätten, um von einem Ort zum nächsten oder einer Perspektive zur anderen zu gelangen und komprimieren die Szene zu einem visuellen Kurzprotokoll. Hoffen wir, dass wir das Publikum dabei fesseln und kein Material entfernen, das für die Geschichte unbedingt relevant ist.

Bei einer Videoproduktion ist der Schnitt das wichtigste Hilfsmittel zur Zeitkomprimierung. In nahezu jedem Film werden Übergänge allein durch Schnitte erzeugt. Wo und wann ein Schnitt gemacht wird, ist deshalb von großer Bedeutung. Wenn du dir einige Filme mit guter Schnitttechnik genau ansiehst, kannst du erkennen, dass die Schnitte eine eigene Sprache sprechen. Dies gilt vor allem für Videos, in denen eine Geschichte erzählt wird. Das Publikum verliert schnell das Interesse, wenn es durch einen Schnitt aus der Story geworfen wird.

In der Videoproduktion wird dies häufig als "Jump Cut" bezeichnet. Bei diesem Filmschnitt werden die Continuity-Regeln (Bildanschluss, zeitlicher Anschluss, Kameraposition) nicht beachtet. Das wirkt irritierend, weil es unser Zeitgefühl durcheinanderbringt.

Wenn ein Darsteller in einer Aufnahme seinen Arm hebt und du zu einer zweiten Aufnahme schneidest, in der sein Arm nicht erhoben ist, ist keine "Continuity" gegeben und der Anschluss stimmt nicht. Continuity bedeutet im Fachjargon, dass das, was die Zuschauer sehen, dem logischen Ablauf der Aktionen entspricht. Aber wie ist dies zu bewerkstelligen, wo doch beim Schneiden häufig die Länge des Videos reduziert werden soll? Natürlich mit Tricks.

Das Wesen der Zeit

Jemand hat mir mal gesagt, dass "eine Sekunde unterschiedlich lang sein kann, je nachdem, ob man gerade seine Hand über eine offene Flamme hält oder jemanden leidenschaftlich küsst." Bei dem einem Mal ist die Sekunde zu lang, bei dem anderen Mal zu kurz. Dies entspricht unserer Wahrnehmung der Zeit, die einzigartig und individuell ist. Diese lange Aufnahme von Susanne beim Nähen mag vielleicht für den Nähclub interessant sein, mich langweilte sie jedoch zu Tode.

Zeit ist relativ. Bevor du also anfängst, deine Videos auf Warp-Geschwindigkeit zu bringen, weil sie deiner Meinung nach etwas schleppend sind, solltest du kurz darüber nachdenken, dass du jeden Frame während des Schnitts bereits hundert Mal gesehen hast. Die Zuschauer haben diesen Vorsprung jedoch nicht.

Die Zeit überlisten

Eine Möglichkeit ist, die Jump Cuts durch "B-Roll"-Szenen zu kaschieren, die die Zuschauer vom Bruch der Continuity-Regeln ablenken. Aus diesem Grund ist es immens wichtig, zusätzliche Szenen zu drehen, die als Cutaways verwendet werden können. Mit Cutaway-Aufnahmen werden Zeitsprünge weniger offensichtlich.

Manchmal wird beim Ändern der Zeit jedoch tatsächlich die Zeit geändert. Szenen werden beschleunigt oder verlangsamt. Unsere Schnittprogramme verfügen über einige großartige neue Tools, mit denen dies einfacher ist als je zuvor.

In früheren Softwareversionen war "Time Remapping" eine coole neue Technik. Bei diesem Verfahren verwendet der Nutzer nicht mehr nur einen einzigen Prozentsatz, um einen Clip "schneller" oder "langsamer" wiederzugeben, sondern kann die Geschwindigkeit über die Keyframes ändern. Diese Entwicklung verursachte einen rasanten Anstieg von Fernsehwerbungen, in denen die Bilder anfangs mit einer bestimmten Geschwindigkeit abgespielt und dann mithilfe eines einzigen Effekts langsam beschleunigt und wieder verlangsamt wurden.

Das ist ein cooler visueller Effekt. Und viele aktuelle Softwareprogramme enthalten diesen Effekt. (Im Benutzerhandbuch kannst du unter "Time Remapping" oder einem ähnlichen Begriff nachsehen, ob dein Programm über diesen Effekt verfügt.) Du kannst damit die Geschwindigkeit kontrollieren, in der deine Szenen gezeigt werden.

Angenommen, du drehst ein Video von einer Schulführung. Am Ende der Kantinensequenz möchtest du zur Musiksaalsequenz wechseln. Statt die Kantinensequenz zu drehen, die Kamera abzuschalten und dann in den Musiksaal zu gehen, um dort die nächste Szene zu drehen, lass die Kamera einfach laufen, während du deinen Darstellern zum Musiksaal folgst. Mithilfe von Time Remapping kannst du die Aufnahmen des Weges beschleunigen, sodass die Zuschauer mit einem Affenzahn von einem Gebäude ins andere gelangen. Auf diese Weise erhalten sie einen besseren Eindruck von der Architektur der Schule, werden aber nicht gelangweilt.

Die Zeit ausdehnen

Bei Zeitmanipulation denken wir oft an Zeitreduzierung, wie bei unserer Schulführung, bei der wir von der Schulkantine direkt in den Musiksaal gegangen sind. Die gesamte Sequenz zwischen den beiden Drehorten wäre bei normaler Geschwindigkeit langweilig geworden. Außerdem hätten wir dadurch Zeit verschwendet, die wir für interessantere Aufnahmen hätten verwenden können. Also wurde der Weg einfach herausgenommen oder, in diesem Beispiel, beschleunigt, um ihn interessanter zu machen. Was jedoch, wenn eine Szene, die tatsächlich nur wenige Millisekunden dauert, in die Länge gezogen werden soll? Ah! Da liegt der Haken!

Der Film Der Unbeugsame von 1984 mit Robert Redford ist voller klassischer Beispiele für zeitliche Ausdehnung. Wie lange dauert es, bis beim Baseball der Ball vom Werfer beim Schlagmann ankommt? Bei 130 km/h ungefähr eine 1/3 Sekunde. Wie kannst du diese Szene verlängern, um ihr etwas mehr Dramatik zu verleihen? Durch Zeitmanipulation. Im Film sehen wir, wie Robert Redford sich zum Wurf bereit macht. Es folgt eine Totale des Pitcher's Mound, während er die Situation analysiert. Darauf folgt dann eine Schuss-Gegenschuss-Sequenz von Schlagmann, Fänger und Schiedsrichter. Schnitt auf eine Nahaufnahme des Fängers, der Robert Redford ein geheimes Zeichen macht. Schnitt zurück auf eine Nahaufnahme Redfords, der dem Fänger zunickt. Schnitt auf eine Totale der gespannten Zuschauer auf der Tribüne. Schnitt auf eine Nahaufnahme des kleinen Jungen, der seinen Helden beobachtet. Schnitt zurück auf den Werfer, der sein Bein für den Windup anhebt. Nahaufnahme des Schlagmanns, der in den Staub vor der Homeplate tritt. Alles klar? Diese gesamte Sequenz dauert etwa eine Minute oder länger, bevor Robert Redford schließlich diesen blitzschnellen Wurf ausführt. Cutter sind die Meister der Zeitmanipulation.

Interpolation: Die Zeit berechnen

Die Zeitlupe oder auch Slow Motion ist eine raffinierte Technik, denn sie sorgt dafür, dass Zuschauer auch Szenen, die für das menschliche Gehirn eigentlich zu schnell sind, "sehen" können.

Ein gutes Beispiel sind die Szenen in "Bullet Time" in den Matrix-Filmen. Dieser Effekt lenkt die ganze Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die übernatürlichen Fähigkeiten der Hauptfigur. Diese Art des visuellen Time Remapping war vor einigen Jahren revolutionär. In modernen Schnittsystemen ist ein Zeitlupeneffekt mit nur wenigen Klicks ganz einfach gemacht. Aber nicht alle Slow Motion-Effekte werden auf dieselbe Art und Weise erstellt.

Die meisten Schnittprogramme ändern einfach nur die Frequenz, mit der die Bilder angezeigt werden, um Zeitlupen- oder Zeitraffereffekte zu erreichen. Die Änderung der Geschwindigkeit in gleichmäßigen Schritten – halbe, doppelte und dreifache Bildanzahl – ist ein einfaches Feature jeder Schnittsoftware. Welche anderen Möglichkeiten gibt es noch? Was, wenn du deine Szene um 40 Prozent verlangsamen möchtest? Die mathematische Berechnung ist in diesem Fall viel komplexer.

An der Stelle kamen die Computerexperten ins Spiel und entwickelten mathematische Modelle für das komplexe Verfahren der "Interpolation". Bei der Interpolation werden die Bewegungsdaten der Videobilder auf deinem Band analysiert. Das Verfahren beinhaltet nicht nur die Wiedergabe in unterschiedlichen Frameraten, sondern auch das "Vortäuschen" von Daten, die auf dem Originalband nicht vorhanden waren, um beim Zuschauer den Eindruck weicher und realistischer Zeitlupen- oder Zeitraffereffekte entstehen zu lassen.

Gute Interpolationsalgorithmen sind für gute Zeitraffer- und Zeitlupeneffekte von zentraler Bedeutung. Vergewissere dich, dass deine Software über entsprechende Funktionen verfügt.

Zeit zum Üben

Wie bei jedem anderen Video- und Schnitteffekt auch, ist das Time Remapping dann am besten, wenn es nicht nur Kommentare wie "Schau dir das mal an! Ist das nicht cool?" hervorruft. In den Matrix-Filmen wurde es optimal eingesetzt. Die Sequenzen in "Bullet Time" lassen uns Dinge sehen, die wir in Echtzeit nur unklar wahrnehmen würden. In unserem Beispiel hier, der "Schulführung", können wir das Video dank Time Remapping interessant gestalten und den Zuschauern dabei das Schulgelände zeigen – eines der Hauptziele des Videos.

Grabe also deine Handbücher aus und informiere dich, wie deine Software dich mit wenigen Klicks von einem "Videoeditor" in einen "Zeitpiloten" verwandelt. Du wirst wahrscheinlich überrascht sein angesichts der vielen tollen Orte, die du deinen Zuschauern zeigen kannst, wenn du erst einmal das Fliegen gelernt hast. Tschüs dann, ich habe keine Zeit mehr...

Bill Davis ist Drehbuchautor, Regisseur, Cutter und Voice-over-Profi und hat schon für viele Unternehmenskunden gearbeitet.

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe vom September 2005 des Videomaker Magazine zum ersten Mal veröffentlicht. Weitere Infos zur Videoproduktion findest du auf der Website des Magazins oder in der Video-Toolbox.